Der Freiheitskampf der Familie Gallus

Repressive Heimerziehung der DDR - Fluchtversuche und Heimeinweisung
Der Freiheitskampf der Familie Gallus

Bild: Jutta Gallus mit ihren Töchtern Claudia und Beate am Tag ihrer Wiedervereinigung am Checkpoint Charlie im August 1988. Bildquelle: Jutta Gallus

Nach mehreren vergeblich gestellten Ausreiseanträgen (ab 1975) entschied sich Jutta Gallus gemeinsam mit ihren Töchtern 1982 mit Unterstützung einer Fluchthilfeorganisation, die DDR über ein befreundetes Drittland zu verlassen. Die Gründe für die Flucht vor dem DDR-Regime lagen für Jutta Gallus u.a. in den fehlenden Entfaltungschancen, Bevormundung und Repressalien für sie. Auf Empfehlung wandte sie sich an einen jugoslawischen Gastarbeiter, welcher Möglichkeiten aufzeigte, mit bundesdeutschen Pässen über Rumänien auszureisen. 

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Der Fluchtplan

Die Familie Gallus sollte einen Urlaub beantragen und in eines der Sozialistischen Bruderstaaten reisen. Sie bekamen den Urlaub bewilligt und reisten nach Rumänien. In einem Hotel sollten sie einen Mittelsmann treffen, der ihnen bundesdeutsche Pässe übergeben würde. Sobald sie diese hätten, sollten sie mit der Fähre die Donau überqueren und ganz normal in die Bundesrepublik Deutschland "zurück" reisen. Jedoch scheiterte der Plan, da der Mitarbeiter des Hotels an diesem Tag frei hatte. So ging die Familie Gallus in ein nahe gelegenes Freibad. Als sie das Bad wieder verließ, bemerkte Jutta Gallus, dass in ihr Auto eingebrochen wurde. Ihre Tasche mit wichtigen Dokumenten und eine Sporttasche wurden entwendet.

Das Scheitern der Flucht und die Trennung der Familie

Ein Teil der gestohlenen Sachen entdeckten sie in der Umkleidekabine im Freibad. Auf Anraten des Bademeisters ging sie zur Miliz, um den Diebstahl zu melden. Dort wurden sie an die DDR-Botschaft weitergeleitet, um Pass-Ersatz-Dokumente zu beantragen, damit sie ihren Urlaub fortsetzen konnten. Stattdessen ging Jutta Gallus mit ihren Töchtern zur Botschaft der Bundesrepublik Deutschland und beantragte dort ihre Pass-Ersatz-Dokumente. Nach Überprüfung der Angaben in der Bundesrepublik (Landratsamt) und der Abgabe der neuen Passfotos bekamen sie am nächsten Tag ihre Pässe. Mit dem Hinweis, dass sie nur noch ein Ausreise-Visum von den rumänischen Behörden benötigten, verließen sie die Botschaft. Als sie auf dem rumänischen Amt vorstellig wurden, musste Jutta Gallus die Pässe wegen Überprüfung der Sachlage dort lassen. Mit dem Hinweis, die Pässe nach 18 Uhr abzuholen, verließen sie die Behörde. Als sie zum vereinbarten Termin zurückkamen, wurden sie bereits von einem Militärfahrzeug und der Sécuritate erwartet. Zur "Klärung eines Sachverhaltes" wurden sie zum Flughafen Bukarest transportiert. Dort wurden sie verhört und für eine Woche inhaftiert. Mit einem für sie bereitgestellten Flugzeug der Interflug wurden sie nach Ost-Berlin ausgeflogen. Mutter und Kinder wurden schon in der Maschine voneinander getrennt. An die Trennung und an das Gefühl der Hilflosigkeit, aber auch an die Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen erinnert sich Beate Gallus noch sehr genau.

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Haftstrafe für die Mutter – Heim für die Kinder

Jutta Gallus wird der Prozess gemacht. Das Urteil lautete: 3 Jahre Haft im schweren Fall im Frauenzuchthaus Hoheneck/ Stollberg

Frauenzuchthaus Hoheneck/ Stollberg

Frauenzuchthaus Hoheneck/ Stollberg
Bildquelle: Creative Commons

Beate und Claudia Gallus wurden gegen ihren Willen in ein staatliches Kinderheim eingewiesen. Nach sechs Monaten wurde vom DDR-Regime angeordnet, dass sie zu ihrem - von der Mutter geschiedenen - leiblichen Vater gebracht werden. Beate Gallus erinnert sich, wie sie die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihrer Mutter nicht verlor.

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Freikauf und Vereinigung

Nach zwei Jahren Haft wurde Jutta Gallus ohne ihre Töchter von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft. Für sie begann der Kampf um ihre Töchter, die vom DDR-Regime festgehalten wurden. Dieser Kampf war der schwerste und wichtigste Kampf ihres Lebens. Er dauerte insgesamt 6 Jahre. 1988 war es endlich soweit: Mutter und Töchter konnten sich wieder in die Arme schließen. Seitdem feiern sie jedes Jahr ihre persönliche Wiedervereinigung, 2018 zum dreißigsten Mal.