Dunkle Wolken ziehen auf

Ringlein, Ringlein, du musst wandern…
Dunkle Wolken ziehen auf

„Manchmal lohnt es sich, zu warten, denn manches Glück kommt ganz von selbst.“
Adalbert Stifter
 

Jahre zogen ins Land und die Unruhe, die Adalbert bereits seit Langem unterschwellig verspürt hatte, erfasste ihn mit einer Wucht, die selbst sein sorgsam aufgebautes Kartenhaus, sein Phantom, ins Wanken brachte. Auch mich steckte er mit seiner Rastlosigkeit und seinen Zweifeln an.

Während Adalbert in Bezug auf seine rechtswissenschaftlichen Studien immer unsicherer wurde und Wien ihm wegen der räumlichen Trennung zu Fanny nicht länger ein Ort der Freiheit zu sein schien, kreisten meine Gedanken um die mir zugedachte Rolle und meine eigene Zukunft.

Würde Adalbert endlich den Mut finden und Fanny die Frage aller Fragen stellen? Würde ich in naher Zukunft das Glück der beiden als Symbol ihrer Liebe krönen oder würde ich stattdessen weiterhin in seiner Nachttischschublade, meinem neuen Versteck, verstauben und schließlich in Vergessenheit geraten?

Während ich Trübsal blies und es nicht schaffte, meine schweren Gedanken zu vertreiben, vermochte Adalbert es immerhin, seine eigene Wehmut durch Gedanken an seine große Liebe zu lindern. Scheinbar hegte er in dieser Hinsicht keinerlei Zweifel, was auch mir wieder etwas Zuversicht schenkte. Nichtsdestotrotz erschöpfte Adalberts Wankelmütigkeit allmählich auch Fannys Geduld.

Ich meine, ich konnte Fanny in dieser Situation schon verstehen. Schließlich wurde sie in ihrem Heimatdorf mittlerweile als spätes Mädchen bezeichnet, nachdem sie sich für ihre Jugendliebe jahrelang aufgespart hatte. Und auch Fannys Eltern, das Ehepaar Greipl, erhofften sich für ihre geliebte Tochter vermutlich eher eine standesgemäße Heirat mit einem jungen Mann aus gutbürgerlichem Hause, als sie einem Mann wie Adalbert Stifter, einem Mann von niederer Herkunft und ohne Studienabschluss, zur Frau zu geben.

Trotz allem verlor Adalbert nicht die Hoffnung und bat sie so in einem seiner Briefe, ihm und ihrer Liebe noch eine letzte Chance zu geben.

Quelle (Musik): King of Peace von Twin Musicom ist unter der Lizenz "Creative Commons Attribution" (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/) lizenziert. Künstler: http://www.twinmusicom.org/.
Quelle (Literatur): Adalbert Stifter, Briefe. Tübingen/Stuttgart, 1947, S. 15-20.
 

Lange wartete Adalbert auf eine Antwort von Fanny. Mit jedem Tag, an dem der Briefträger mit leeren Händen an seiner Tür vorbeiging, wuchs nicht nur seine, sondern auch meine Angst. Verzweiflung drohte uns zu erdrücken. Würde Fanny auf ihn warten oder drohte sein liebgewonnenes Kartenhaus nun tatsächlich einzustürzen?