Die Ruhe nach dem Sturm

Ringlein, Ringlein, du musst wandern…
Die Ruhe nach dem Sturm

„Was der Augenblick geboren, schlang der Augenblick hinab! Aber ewig bleibt es unverloren, was das Herz dem Herzen gab.“
Adalbert Stifter

 

So wie Adalbert seine große Liebe Fanny auch während seiner vermeintlich glücklichen Ehejahre mit Amalia nicht vergessen konnte, so konnte er auch seine zweite große Leidenschaft, das Schreiben, das er während seiner Studienzeit in Wien für sich entdeckt hatte, nicht vergessen. 

So begann er, immer in Erinnerung an die gemeinsam verbrachte Zeit in Friedberg, seine Gefühle für Fanny in der Literatur zu verarbeiten. Statt weiter Trübsal zu blasen und melancholischen Gedanken nachzuhängen, zog er letztlich Kraft und Inspiration aus dieser schweren Zeit und der unerfüllten Liebe zu Fanny.

1867 veröffentlichte Adalbert mit einem seiner größten literarischen Werke, dem historischen Roman Witiko, eine Geschichte, die ebenso wie seine eigene von Liebe und Abschied zeugt. Einen kleinen, aber feinen Unterschied will ich dir jedoch nicht verschweigen: Im Gegensatz zu meinem langjährigen Freund und Wegbegleiter Adalbert ließ der Held der Geschichte, der Ritter Witiko vom Witikohause, nicht nur Worte, sondern auch heldenhafte Taten für seine Liebe zu Bertha von Schauenberg sprechen und konnte so sowohl den Vater seiner Braut, Heinrich von Schauenberg, als auch die Braut selbst für sich gewinnen:

 

Quelle (Literatur): Adalbert Stifter, Witiko. München, 2011, S. 480-481.

Die Ruine Wittinghausen (1833/35).

Die Ruine Wittinghausen (1833/35).
Adalbert Stifter hat die Idylle des Böhmerwaldes nicht nur in seinen literarischen Werken, sondern auch in seinen Gemälden verewigt.

Quelle (Bild): Wikipedia (Creative Commons).

 

Witiko durfte Bertha, seine große Liebe, also heiraten; Adalbert blieb dies verwehrt. Vielleicht hätte er sich ja nur ein wenig mehr anstrengen und weniger unentschlossen sein müssen. Dann wäre ich – DER Verlobungsring schlechthin – vielleicht ja auch endlich einmal zum Einsatz gekommen, anstatt Tag ein Tag aus in meiner samtenen Schachtel auf meinen großen Moment zu warten.

Versteh mich bitte nicht falsch! Mein Freund Adalbert schien endlich glücklich durch seine Flucht in die literarische Welt, worüber ich mich auch aufrichtig freute. Indem er Fanny jedoch in seinen literarischen Werken quasi ein Denkmal setzte, wurde mir letztlich die Verwirklichung meines großen Traumes unmöglich gemacht. Nie mehr würde ich zum Symbol seiner ewigwährenden Liebe zu Fanny werden, wie ich es mir doch eigentlich schon so lange gewünscht hatte. Nie mehr würde ich in die Rolle eines Verlobungsringes schlüpfen, der eine langjährige Liebe hätte krönen können.

Doch ich war mir nicht sicher, ob seine Flucht in die Literatur in ihrer beglückenden Wirkung von Dauer sein würde. Waren etwa auch seine neuen Glücksgefühle in Wahrheit nur ein Phantom, ein Kartenhaus, das bereits wieder einzustürzen drohte?