Heringsbahn und Bahnhofsschmuggel
Hötensleben

Die Heringsbahn

In der frühen Nachkriegszeit hatte die Eisenbahn für das Leben an der Grenze eine besondere Bedeutung. So auch an der innerdeutschen Grenze bei Hötensleben/Offleben/Schöningen in der Zeit von 1945 und 1952.

Die sogenannte „Heringsbahn“ transportierte Menschen und Güter durch die Grenzorte, sie bewegte Grenzgänger und sorgte für ein dichtes Netz von Russenposten, Grenzpolizei, Zoll und BGS.

Den Namen bekam die Bahn in Anlehnung an eines der wesentlichen Schmuggelgüter auf dieser Strecke zu der damaligen Zeit: Heringe. Unzählige Heringe wurden von sogenannten „Heringsbändigern“ aus Richtung Hötensleben kommend nach Schöningen gebracht und dort „schwarz“ verkauft. In von Heringslake durchtränkten Rücksäcken, Taschen, Tornister oder auch selbstgenähten Säcken wurden die Fische transportiert. Die Lake und der Geruch sorgten in der Bahnhofshalle für eine ganz besondere Atmosphäre. Die Schmuggler starteten häufig in Bremen oder Bremerhaven und fuhren auch weiter bis Magdeburg, Halle, Leipzig und sogar nach Berlin. Ein kräftiger Schwarzhändler schaffte zwischen vier und acht Eimer mit Heringen, die Eimer waren in Säcken verstaut und in jedem Eimer passten ca. 40 bis 50 Heringe.

Immer wieder kam es aber auch zu Kontrollen, bei denen das jeweilige Schmuggelgut beschlagnahmt oder vernichtet wurde. Bei einer Kontrollwarnung stiegen die Fahrgäste oft schon vorher aus, wenn es ihnen möglich war. So kam es zum Beispiel. vor, dass die Eisenbahner, den Schmugglern die Chance zur Flucht ermöglichten, wenn sie von einer Razzia der Grenzpolizei Wind bekamen. Mitunter fuhr der Lokführer dann besonders langsam in den Bahnhof ein, so dass das Schmuggelgut aus dem Fenster geworfen werden konnte oder es wurde in sicherer Entfernung vor dem Bahnhof Halt gemacht, so dass die Grenzgänger flüchten konnten. Dadurch kam es auch immer wieder zu Konflikten zwischen den Bahnmitarbeitern und der Polizei.

Als Recherche-Material für den Text diente dieser Band: "Walter, Achim; Bittner, Joachim: Heringsbahn. Die innerdeutsche Grenze bei Hötensleben/Offleben/Schöningen zwischen 1945 und 1952. 3. Auflage. Schöningen 2001, S. 52 – 63."