Ipswich - frei im Herzen, umgeben von Mauern

Der Dichter Ivan Blatný – verehrt, verachtet und vergessen
Ipswich - frei im Herzen, umgeben von Mauern

Die öffentliche Ächtung durch seinen ehemaligen Mentor Nezval im Ohr, ist Ivan Blatný zutiefst verstört. Er fühlt sich verraten. Die unbändige Angst des Dichters wird schließlich zum ernsten Verfolgungswahn und er wird in die psychiatrische Klinik St. Clements in Ipswich eingewiesen. Die Ärzte diagnostizieren paranoide Schizophrenie.

Bildrecht: Wikimedia commons 

Die Öffentlichkeit bekommt von der Einweisung nichts mit und Ivan Blatný verschwindet völlig von der Bildfläche. In seiner Heimat wird er offiziell für tot erklärt und niemand spricht mehr über den großen tschechischen Dichter. All seine ehemaligen Kollegen müssen sich mehr oder weniger von ihm distanzieren, um nicht selbst zum Ziel der Säuberung des kommunistischen Regimes zu werden.

Doch Blatný lebt weiter in der westlichen Welt und fühlt sich erst hier,  im Schutz der Mauern von St. Clements, wieder sicher. Er kann aufatmen. Für unsereins klingt es paradox, geradezu tragisch – aber der Dichter fühlt sich an diesem Ort, abgeschottet und in den Fängen seiner Krankheit, zum ersten Mal wieder als freier Mann. Er übernimmt allerlei Aufgaben in St. Clements, um sich unabkömmlich zu machen. Morgen für Morgen kehrt er den Hof und hilft bei der Gartenarbeit.

Blatný schläft in einem Saal mit neun anderen männlichen Patienten. Aus Angst vor Diebstahl trägt er alle Habseligkeiten ständig mit sich – die ausgebeulten Jackettaschen werden zu seinem Erkennungsmerkmal.

mit freundlicher Genehmigung von Martin Reiner (http://www.martinreiner.cz/64-ivan-blatny-fotogalerie)

In den ersten Jahren bringt der Dichter lange nichts zu Papier. Vertieft in seiner eigenen Welt, irrt er durch die Gänge von St. Clemens. Der einst so stolze Mann ist kaum wiederzuerkennen mit seinem zerzausten Haarschopf, dem seltsamen Lächeln und den leeren Augen, die in einer anderen Welt zu irren scheinen.

Eines Tages findet Blatný während seiner Arbeit im Garten endlich zurück zur Lyrik und er notiert sich seine Einfälle auf langen Spaziergängen im Hof von St. Clements. Der Dichter beginnt wieder zu schreiben.

mit freundlicher Genehmigung von Martin Reiner (http://www.martinreiner.cz/64-ivan-blatny-fotogalerie)

Jeden Abend, wenn das Licht in den Schlafsäälen gelöscht wird, schleicht  sich Blatný auf die Toilette. Es ist der einzige Ort in der Psychiatrie, an dem die ganze Nacht Licht brennt. Im schwachen Schein der Neonröhren schreibt er hier Nacht für Nacht - in seiner Muttersprache Tschechisch, in Englisch und in Deutsch. Blatnýs Gedanken führen ihn zurück in vergangene Zeiten. Zurück in seine Heimatstadt Brünn, nach Prag und London.

Die Wärter, die immer wieder beschriebene Blätter auf dem Boden finden, können mit Blatnýs Lyrik nichts anfangen und werfen diese in ihrer Unwissenheit weg.

Doch eines Morgens entdeckt die bereits pensionierte Krankenschwester Frances Meachem Blatnýs Notizen im Papierkorb der Herrentoilette. Sie spricht ein wenig Tschechisch und erkennt sofort deren herausragende Qualität. Frances Meachem sammelt im Laufe der Zeit hunderte Gedichte, Aufzeichnungen und Notizen und beginnt diese zu Hause in ihrer Garage zu lagern. „Ich habe gehört Sie schreiben Gedichte“, spricht die alte Dame Blatný eines Nachmittags an. „Ja“ erwidert er zögerlich, „ich schreibe Sie und dann werfe ich sie weg“. „Tun Sie das nicht!“ bittet die Schwester, „ich werde jede Woche Papier und Stifte bringen. Und Sie werden aufheben, was sie schreiben.“

Frances Meachem

Frances Meachem
mit freundlicher Genehmigung von Martin Reiner (http://www.martinreiner.cz/64-ivan-blatny-fotogalerie)

Ende der Siebziger Jahre sendet Meachem eine Auswahl der Gedichte an den kanadischen Exilverlag Sixty-Eight Publishers, der von dem Schriftsteller Josef Skvorecký in Toronto gegründet wurde.

Der Verlag veröffentlicht die Gedichte 1979 unter dem Titel „Alte Wohnsitze“.

Für die Weltöffentlichkeit ist die Erscheinung des Gedichtbandes eine Sensation. Mehr als zwanzig Jahre nach der offiziellen Todeserklärung, gibt es plötzlich ein Lebenszeichen von Ivan Blatný. Bis dato war nicht nur die Person Ivan Blatný, sondern auch dessen gesamtes dichterisches Werk aus den Köpfen der Menschen verschwunden. Hatte die kommunistische Regierung der Tschechoslowakei doch Blatnýs Gedichte aus dem Kanon der tschechischen Lyrik verbannt und sämtliche Weggefährten zu Stillschweigen über den Dichter erzogen.

So kehrt der Dichter Ivan Blatný im Jahr 1979, nach Jahrzehnten der Isolation und der Verleumdung, zurück zu alter Größe. In der Macht seiner Werke wird er unsterblich.