Auf Messers Schneide

Auf Messers Schneide

Zwei Tage lang stand Adalbert Stifters Leben auf Messers Schneide. In der Nacht vom 26. auf den 27. Januar 1868 fügte er sich mit einem Rasiermesser eine stark blutende Wunde am Hals zu. Was trieb den Schöngeist zu solch unschöner Tat?

Theme: Europe, Love, Biography, Art and Literature

Region: Germany

Bildquelle: Böhmerwaldmuseum / Bild: Nina Dworschak

Adalbert Stifters Totenmaske

Seiner Tage Wirken hat hinieden
den Bestand des Gleichgewichts bezeugt:

Ende ist dem Widerstreit beschieden.
Seele, Geist und Sinne sind im Frieden,
bleibend unter ein Gesetz gebeugt.

Mit dem Bauwerk, das die hohen Mauern
bergend um geweihte Stätten stellt,
hat er sich in heiligem Erschauern
nicht gerühmten Gründern und Erbauern,
hat er frommen Stiftern sich gesellt.

Aber wehe, in den qualvoll wachen
Nächten, die kein Hoffnungsstern durchscheint,
hörte er im Fundament das Krachen,
fühlte er in einem Teufelslachen
den Bestand der schönen Welt verneint.

Lichter Harmonie, die er geschaffen,
setzt die jache Tat das Ende schrill.
Grau kriecht übers Antlitz das Erschlaffen,
und die Lippen stehn in ihrem Klaffen
wie in endelosem Wehlaut still.

Friedrich Ernst Peters

Quelle: Die ZEIT 32/1950

Das Biedermeier war eine Epoche der idealisierten und idyllischen Weltsicht. Wer war dieser Adalbert Stifter, dieser große Biedermeierdichter?

Sein Leben war im Gegensatz zu seinen Werken keineswegs reines Biedermeier. Der Vater stirbt einen frühen Unfalltot, die große Liebe heiratet einen anderen, die eigene Ehe bleibt kinderlos und auch mit der Gesundheit steht es nicht zum Besten.

In seiner eigenen Wahrnehmung passt er die Wirklichkeit seinen Wunschvorstellungen an. Das führt zu skurrilen Situationen.